18. April 2019

Ein toller Wurf

Als Gott mit seiner Schöpfung fertig war, soll er die übrig gebliebenen Brocken einfach hoch geworfen haben. Er fand’s gut – und genauso liegen sie heute noch da: Die Kornaten.

  1. Tag

Die Nacht im Telascica Naturpark war unruhig wegen des starken Windes, der unser Schiff selbst noch in dieser völlig geschützten Ankerbucht nach rechts und links herumkreiseln ließ wie einen Federball. Wir misstrauten den dumpf grummelnden Geräuschen der Kette, die ständig über den schwierigen Ankergrund schleifte und schoben bis 1:00 Uhr vorsichtshalber mal Ankerwache.

Alleinlage !

Bei Sonnenschein und Windstärke 5 legten wir morgens ab und preschten nur mit einer Sturmfock mit 5 kn in den Kanal, der das Tor zum Nationalpark der Kornaten bildet.

 

Ob nun durch Brandrodung oder durch die Abholzung für den Schiffbau, vielleicht aber einfach doch nur wegen des verkarsteten Bodens, auf dem nichts gedeihen kann – die Landschaft veränderte sich jedenfalls schlagartig von Grün nach Gelb. Wir rutschten durch eine kahle, karge Inselwelt, deren sanft geschwungene, pyramidenartig geformte Hügel uns an Wales erinnerten. An ihren Hängen nichts als Steinschicht über Steinschicht über Steinschicht, die den erdgeschichtlichen Kontext dieser Gegend bezeugen. Die teils bizarren, ausdrucksstarken Karstlandschaften bestehen aus wasserlöslichem Kalkstein. Sie entstanden im Miozän (vor 5-23 Millionen Jahren) und werden uns Menschen auch zukünftig mit ihren wandelbaren Naturkunstwerken in Erstaunen versetzen.

Überall Riffe, winzige Eilande und einzelne flache Gefahrenstellen. Im Westen größere Inseln und in ständiger Sichtweite das offenen Meer. Wir segeln an Kornat entlang. Sie ist die größte Insel des Nationalparks, ein langer Schlauch, 25 km lang, 2,5 km breit und ihr höchster Punkt ist mit 237 m der Berg Metlina. Wir passieren die 1500 Jahre alte, majestätische Ruine der Festung Tureta. Sie bis heute das größte Gebäude der Kornaten.

Auf Kornat gibt es einige wenige Fischersiedlungen. Wir legen uns im winzigen Kravljacica an eine von zwei Bojen und bringen zur Sicherheit auch den Anker aus, denn unser Revierführer warnt, dass die Bojen teils schwach dimensioniert sind. Nach der letzten Nacht hätten wir nun gerne wieder etwas mehr Ruhe.

Unser erster Landgang gilt den Hunden. Die schnuckelige Siedlung ist winzig und liegt noch im Winterschlaf. Ein einziger Fischer lebt hier dauerhaft mit 5 Katzen und 3 Mulis und dürfte einer von sieben ständigen Bewohner der Kornaten sein. Jeden Abend besuchen ihn zwei andere Fischer mit einem gemütlichen Kahn, dann hört man drüben ihre Stimmen, bis sie gemeinsam raus fahren. Kein Vogelzwitschern in der Luft, absolute Stille. Was für ein Leben in einer Welt aus Steinen, Himmel und Meer!

Kravljacica ist ein authentischer Fischerort, auch wenn sich einige der malerisch verfallenen Häuschen in Rekonstruktion befinden. Deshalb wirkt (das auf jeden Fall lobenswerte!!) Müllkonzept des Nationalparks hier schon irgendwie grotesk:

Zurück an Bord richten wir den Hunden ihren Platz ein, dann schnappen wir unsere Bergschuhe und Wanderstöcke und stiefeln querfeldein bergan nach Norden in Richtung der Festung. Der Anstieg ist einfach. Zottelige Schafe weiden unter den Olivenbäumen einer Oase, in deren Zentrum sich tatsächlich ein Wasserloch befindet. Als wir kommen, geben die Tiere laut meckernd Fersengeld und springen über eine der endlosen grauen Steinmauern davon, die irgendwelche tiefenentspannten Bauern in ungenanntem Heldentum quer zu den Hängen überall aufgeschichtet haben. 

Unterhalb der Festung steht vor den Ruinen seiner Vorgängerin ein winziges Kirchlein, eigentlich nichts Besonderes, wenn nicht der große Eisenschlüssel in einem Mauerspalt liegen würde, mit dem sich der Wanderer oder der Fischer jederzeit selbst Einlass gewähren darf.

Ein Rabenvogel schwebt hoch über uns.

Wir klettern über große Felsen und grüngelbe Wolfsmilchsträucher. Da steht sie, die Festung Tureta.

Dann: Der Ausblick … ! Einfach grandios!!

Einige wenige Segelyachten und zwei große Motoryachten durchqueren in der Tiefe unter uns den Nationalpark. Ihr Motorengebrumm schallt durch die völlige Geräuscharmut der Landschaft. Kornaten in der Saison? Das bedeutet Regatta, viele Motorboote, viel Schwell und viel Partylärm. Wir sind froh, dass wir genau jetzt hier sind und uns ohne Zeitdruck zu Fuß mit diesem besonderen Stück Erde vertraut machen können.

Als wir von unserem Ausflug zurückkommen, stehen da 8 Leute in dem verlassenen Fischerhafen. Denn inzwischen hatte sich ein zweiter Segler an der verbleibenden Boje festgemacht. Zu unserer grenzenlosen Überraschung waren es acht Brasilianer – einige von ihnen eingemummelt wie die Polarforscher – das war natürlich ein Riesenhallo!

  1. Tag

Heute nehmen wir uns den höchsten Berg des Nationalparks vor, den Metlina. Wir starten gegenüber der TELL von Norden her, wollen dann im Süden zur nächsten kleinen Siedlung absteigen und die Wanderung zuletzt am Ufer entlang mit Plastikmüllsuchen beenden.

Was so einfach aussieht, entwickelt sich diesmal ziemlich knifflig. Denn wir können nur den schmalen Trampelpfaden der Schafe folgen oder aber von Steinschicht zu Steinschicht in immer steiler werdenden Stufen mit immer spitzeren Graten aufwärts balancieren. Was von Weitem so lauschig nach walisischem Idyll aussieht, entpuppt sich als Härtetest für Wanderstöcke und Knöchelorthese. In den undurchsichtigen Spalten zwischen den Stufen wächst irgendeine Art Gras, dazwischen auch Dornen und mickrige Salbeisträucher. 

Hier und da leuchten Königskerzen auf und großflächig wuchert immer wieder der Affodill, ein giftiges Liliengewächs, das als Folge von Überweidung in ganz Kroatien zu finden ist. Passend zur kargen Vegetation hüpft ganz selten eine große Heuschrecke oder eine einzelne Eidechse über die Steine und uns schwant, dass es hier Schlangen geben könnte. Also balancieren wir erst Recht ganz vorsichtig nur von Stufe zu Stufe.

Und wie so oft ist der Aufstieg doch gut machbar  – insbesondere, wenn man aus Oberbayern kommt und dann durch einen so phantastischen Panoramablick über die gesamten Kornaten belohnt wird.

Der Abstieg nach Süden gestaltet sich allerdings echt nervig und zieht sich entlang der Steinmauern schier endlos hin. Aber was soll‘s, runter müssen wir ja irgendwie.

Die andere Siedlung liegt zwar auch sehr hübsch, ist aber eher eine parzellierte Ferienhausansammlung. Von hier zur TELL ist es nur einen Kilometer weit. Wir schlagen uns durch zur Küstenlinie – da springt eine lange braune Schlange in Panik auf und hechtet über die Steine davon. Auch wenn es unheimlich ist – wir freuen uns sehr, dass wir auf all unseren Reisen immer wieder Schlangen sehen, denn sie sind total scheu und an sich ja nützlich.

Unser 120 l Sack ist nach nur 400 m gefüllt. Und damit reicht es dann auch nach 3,5 Stunden Wanderung. Höchste Zeit für einen großen Berg Spaghetti!

3.Tag

Geerts Geburtstag verbringen wir mit Sightseeing – und kommen uns vor wie die KD Rheinschifffahrt AG! Stundenlang tuckern wir mit 3 kn an den sagenhaften Steilküsten vorbei, denen die Kornaten ihren Namen verdanken. Denn vom offenen Meer aus leuchtet die lange Reihe der Steilküsten wie die Zacken einer Krone aus dem blauen Wasser hervor.

Voller Ehrfurcht versuchen wir zu erfassen, welch ungeheur langer Zeitraum vergangen ist, um aus nichts als Muschelkalk und Sedimenten so hohe Wände zu pressen! Senkrecht ragt die 70 m hohe Steilküste der Insel Mana gen Himmel. Oben drauf stehen noch die wildromantischen Filmkulissen aus einem Seeräuberschinken: „Raubfischer in Hellas“ mit Maria Schell von 1959.

Leider konnten wir den Tag nicht in den Kornaten beenden. Die Bucht, in der wir uns an eine Boje legen wollten, war noch „außer Betrieb“ und der steil abfallende Meeresboden ließ leider kein Ankermanöver zu.

Die Nacht verbrachten wir etwa 6 sm weiter südlich, in der Stupica-Bucht auf der Insel Zirje. Die Umstellung von der Unberührtheit der Kornaten auf die kroatische Gegenwartszivilisation fiel schwer. Zwar gibt es hier phantastische Bojen, aber die Bucht ist vermüllt, soll heißen: Die Anwohner werfen ihren Plastikmüll auf eine wilde Halde direkt bei ihren Fischerbooten. Und einer lässt sein Stromaggregat laufen, frei nach der Devise: Platz da, jetzt komme ich!

Soll es also jetzt mal Ostern werden bzw. Karfreitag.

Wir legten heute wie immer in aller Frühe ab und fahren jetzt bei schönster Sonne über das weite Meer in Richtung Hvar.

7 Comments

  • Liebe Ulli und Geert,
    euer Blog ist echt cool! Auf Kravljacica scheint das Leben sehr einfach zu sein. Nur ein einziger Mensch mit Tieren! Es war interessant zu lesen, wie sein Tag aussieht. Sehr gut beschrieben!
    Liebe Grüße
    Maryna

  • Hi Ihr, bin in Funtana und hier ist Baustelle hoch 10. Bin aher richtig neidisch, würde am liebsten gleich ablegen und hinterher kommen. Was solls, meine Zeit wird noch kommen 🙂 Liebe Grüße

    • Hallo Maik, danke für Deine Grüße. Bin auch fleißig am Basteln. Ende April geht es rüber nach Italien, sofern das Wetter mitspielt. Liebe Grüße von Geert und Ulli

  • Liebe Ulrike u. Geert, es ist fantastic mit Euch diese Reise mit zu machen.
    Wir strengen uns an, erstmal das Deutsch zu lesen, und diese wunderbare aussicht mit Fotos registriert.
    Liebe Grüsse und Umarmung von Brasilien, Sueli u. Gastão

    • Guten Morgen Ihr beiden, wir freuen uns sehr über Euren Kommentar und grüßen das wunderschöne Südbrasilien und seine liebenswerten Menschen! Que saudades!!! Ulli und Geert

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