30. April 2019

Ferien auf Lastovo II

Die einzige asphaltierte Straße auf Lastovo ist gut ausgebaut. Sie verbindet die fünf größeren Ansiedlungen und bewohnten Buchten der Insel miteinander. 

Der Ort Lastovo liegt nur wenige Kilometer von uns entfernt. Der Weg dorthin führt uns über spannende, in mächtige Felsen gehauene Serpentinen und Haarnadelkurven, dann wieder durch liebliche Täler mit Laubbäumen, Gemüsefeldern und Weinanbau, die uns spontan an Taunus und Rheingau erinnern. Roter Klatschmohn und pinkfarbene Wildgladiolen blühen in den ohnehin schon gelb und weiß gesprenkelten Wiesen, – das üppige Farbenspiel des Frühlings … vor knallblauem Himmel.

Immer wieder fällt in unserem Wagen das Wort „Elektroauto“. Das ist doch der perfekte Platz dafür! Uns begegnet aber höchstens eine Handvoll anderer Fahrzeuge.

Das Inselarchipel mit seinen 46 Inseln, Felserhebungen und Riffen, soll bis 1000 nach Chr. als Piratenunterschlupf gedient haben. Das könnte gut so gewesen sein. Die Insel ist ja voller versteckter Buchten und tiefer Felshöhlen. Dann gehörte Lastovo Jahrhunderte lang zu Venedig und Ragusa, wurde anschließend Spielball der napoleonischen Siege und fiel schließlich in der Düsternis zerfallender und aufstrebender Großreiche vor und nach dem 1. Weltkrieg zwischen Italien und dem späteren Jugoslawien hin und her.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde Lastovo Tito zugesprochen. Der alte Partisan nutzte die verwinkelte Insel ähnlich den Piraten für militärische Zwecke, sodass sie bis 1995 Sperrgebiet war. Auf diese Weise konnte sich die Natur auf Lastovo frei vom Massentourismus in Gestalt gigantischer Campingplätze, überdimensionierter Spa-Hotels oder piekfeiner ACI-Marinas entfalten. Seit 2006 ist die Insel Naturpark. Für eine Gebühr von 130 kn (ca. 18,-€) am Tag kann man ihre einfache, aber aufregende Schönheit bewundern, wandern gehen, Fahrrad fahren, Sterne gucken.

So weit so nachlesbar. Als wir nun aber tatsächlich auf den Ort Lastovo zufahren, fehlen uns vor Staunen erst einmal die Worte.

Da klebt ein uraltes, italienisch anmutendes Dorf ganz und gar aus Natursteinhäusern an einem Hügel. Hoch oben grüßen uns ein großer Kirchturm und zwei Festungsgebäude. Wir lassen uns denn auch gar nicht zwei Mal bitten und betreten die Unterstadt über eine uralte, überwucherte Treppe. Ein armer Esel guckt uns mit großen, samtweichen Augen an. Wir folgen einer alten Frau, die langsamen Schrittes vor uns her zur Kirche hinauf steigt. Es ist Sonntag und wir werden bald alle Menschen sehen, die zu diesem Sprengel gehören.

Unfassbar still lebt die Vergangenheit zwischen den uralten Mauern und Steinen fort. Der Wind zieht durch die Gassen, in denen man meint, noch die Schritte verfrorener Gestalten aus uralter Zeit tappen zu hören. Zusammengefallene Dachstühle erinnern an die Mühsal ihrer Erbauer, alte Fensterläden hängen in ihren Scharnieren, als hätte sie jemand eben erst so eingestellt. Vorsichtig nähert man sich der nächsten Ecke, den nächsten Stufen, zum nächsten Gebäude. Aber hier ist niemand mehr, bloß eine ziemlich große Horde roter Katzen. Die Würde der verfallenen Häuser Lastovos, ihre morbider Schönheit und die Verblüffung darüber, dass dieser Ort seinen Dornröschenschlaf immer noch ungestört halten darf, schlagen uns völlig in ihren Bann..

Etwas anders ist es im oberen Teil der Stadt. Hier entdecken wir in einem flachen Plattenbau eine kleine Ladenzeile und hier wohnen auch einige Leute mit Autos und Hunden in zum Teil fein renovierten Häusern. Ca. 100 Menschen haben sich heute im Sonntagsstaat zum Gottesdienst versammelt. Sie singen laut und gut zum volltönenden Klang einer Orgel und wechseln sich dabei mit den Kirchenglocken ab, deren helles Geläut den liturgischen Ablauf der Messe untermauert. Die Szene wirkt auf uns Reisende surreal – so intakt, heile und unerschütterlich.

Wir steigen am ehemaligen Palast des Stadtdirektors aus dem 16. Jh. entlang. Der repräsentative Bau erfüllte bis ins 19. Jh. diese Funktion, wurde dann zerstört und als Sitz einer reichen Familie neu errichtet. Und der ist auch schon wieder verfallen. Das Gebäude entspricht trotzdem deutlich der herausragenden Stellung des einstigen Statthalters aus Dubrovnik/Ragusa. Was darüber wie eine Festung aussieht, erweist sich allerdings nicht als romantischer Abenteuerspielplatz aus dem 14. Jh. , sondern als hässlicher Zahnstocher aus Titos Militärzeit.

Nahe der Kirche steht die Schule. Auch sie ist ein großer Prachtbau, in dem vermutlich sämtliche Kinder der Insel ihre Grundbildung erhalten dürften. Ein kleiner Park erinnert an die Gefallenen des 2. Weltkrieges, darunter, ganz ungewöhnlich, die Büste einer jungen Partisanin, die auf der Insel Mljet ihr Leben ließ.

Lastovo ist berühmt für seine ungewöhnlich hohen, zylindrisch gebauten Schornsteine. Sie sind so konstruiert, dass der Wind, egal aus welcher Richtung er kommt, den Rauch nicht in die Feuerstelle zurückdrücken kann und sie erfreuen sich allesamt eines dekorativen Abschlusses. Seit der Renaissance zeigen die Bewohner Lastovos dadurch auch ihren Status an und hier im Ort sind viele uralte und auch moderne Exemplare zu bewundern.

Zuletzt versuchen wir leider vergeblich, den Weg zur zweiten „Festung“ zu finden. Tief beeindruckt und seltsam verlangsamt setzen wir schließlich unsere Inselerkundung fort und machen einen Abstecher ins tief unten gelegene Zaklopatica. Diese sehr hübsche Bucht liegt vis a vis von Korcula. Sie hat ein super Bojenfeld und sieht bei Südwind aus seglerischer Sicht echt schick aus.

Das Glück unserer romantischen Zeitreise findet ein jähes Ende, als uns kurz vor Ubli folgender Anblick schlagartig zurück in die Gegenwart katapultiert :

Diese Sauerei kann man doch nicht einmal mehr Altdeponie nennen. Hat man denn hier noch nie von den Umweltgefahren solcher Müllplätze gehört? Ist Kroatien denn nicht in der EU? Wind, Katzen und Möwen verteilen doch alles in der Gegend – und das in einem Naturpark !!!????

Nun denn.

Wir sind klein, unser Herz ist rein.

Wir folgen der Straße zum höchsten Berg der Insel, Hum. 419 m hoch. Ja. Es ist eine tolle Aussicht, die uns vor allem unser nächstes Abenteuer anzeigt: Die Überfahrt nach Italien.

Der Hum gehört schon zum Landschaftshafen von Ubli, unserer letzten Station. Hier wollen wir die Seetankstelle und den Zoll sowie deren Öffnungszeiten anschauen, beim Hafenmeister nach den Fährverbindungen fragen, flanieren und einen Kaffee trinken.

Wir erhaschen im Vorbeifahren einen Blick auf die Ruinen der St. Peter Basilica aus dem 6. Jh. und dann verfahren wir uns erst einmal. Denken wir. Obwohl wir dem Schild „Zentrum“ gefolgt sind, gelangen wir in kein Städtchen. Im Gegenteil. Wir passieren einige echt armselige Häuser im Stil der 50er Jahre, deren Putz mit Seesand angemischt wurde und seitdem punktartig herunterfällt, sodass wir zuerst an Einschusslöcher dachten. Die Straße mündet in ein Rondeel mit etwa einem Dutzend trostloser Plattenbaureihenhäuser – und sonst nichts.

Wo ist der Ort?

Wir drehen um und folgen dem Schild zur Fähre. Da liegt die riesige Jadrolinja, auch die Tankstelle entdecken wir, gegenüber gibt es eine kleine Ladenzeile mit dem Hafenamt und in 100 m Entfernung flattern auch die Fahnen des Zolls. Wir sind verwirrt und kriegen das überdimensionierte offene Maul der Autofähre nicht mit der völligen Abwesenheit einer Ortschaft zusammen.

Also erledigen wir unsere Anliegen und fahren weiter die Bucht entlang zum Hotel Solitudo, wo wir ja ursprünglich mal angemeldet waren. Es ist schön hier und man sieht die alten U-Boot-Tunnel aus Titos Zeiten. Aber diese Bucht ist viel offener und wir sind heilfoh, dass wir unserem Bauchgefühl gefolgt und nicht hier eingelaufen sind. Da hätten wir ja weiterhin keine ruhige Nacht gehabt! Vor dem feinen Hotel sind 10 nagelneue Liegeplätze mit allem Drum und Dran gebaut und wir setzen uns auf die Terrasse zum Kaffetrinken. Der Besitzer begrüßt uns nicht – tragen wir zu viel Räuberzivil oder was? Dafür beschäftigt er einen freundlichen Kellner, ein Slawone, der hier die Saison zum Geldverdienen nutzt. Ihn fragen wir, wo denn das Zentrum von Ubli sei.

„Da vorne“, antwortete er und zeigte in Richtung der Fähre. Aber wo ist das Zentrum? Das sei da, wo wir dem Schild gefolgt waren, die 12 Häuser der armen Schlucker.

Auweia.

Zu unserer Überraschung steht Kaiserschmarrn auf der Speisekarte. Er schmeckt richtig gut und es ist lustig, dass er mit einem Fischmesser serviert wird.

Und damit endet unsere Rundfahrt. Wir sind sehr zufrieden und nehmen uns als letztes den Ausflug zum Leuchtturm vor, den wir von unserem Liegeplatz aus sehen.

Zurück im Porto Rosso bot sich uns dieses Bild:

Eine Invasion! 15 Schiffe mit Kroaten und Russen! Das muss wohl dem 1. Mai Feiertag und dem Wetter geschuldet sein. Lauter fröhliche Stimmen schallen umher und das ist wirklich eine angenehme Abwechslung. Leider können wir nur dawai, nastrowje, da, njet, gospopdin und bolonka zwetna auf Russisch. Aber das reicht schon, um gegenseitige Vorurteile abzubauen. Die junge Kerle haben die Mooringleine geschreddert und in ihren Propeller eingedreht. Da machen wir grauhaarigen Ollen jetzt aber echte Profipunkte, weil wir ihnen mit unseren Neoprenanzügen aushelfen können!

Der Witz des Tages ist aber, dass das Gleiche fast im selben Moment auch noch zwei weiteren Crews passiert. Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung ;-))

Mit dem Schlauchboot tuckerten wir rüber auf die andere Seite der Bucht, um hoch zum Leuchtturm von 1839 zu wandern. Er steht auf einer 80 m hohen, senkrecht abstürzenden Klippe und warnt als zweitältester Leuchtturm Kroatiens Schiffe davor, Lastovo nicht zu nahe zu kommen.

Für uns ist es das donnernde Finale. Knappe vier Wochen Kroatien liegen hinter uns, viele ganz neue Erfahrungen mit diesem Land, das wir beide schon seit einem Jahrzehnt bereisen. Lastovo ist in jedem Fall ein Höhepunkt !

Und jetzt: Tschüß! Bis zum Herbst!

3 Comments

  • Hallo Ihr Lieben,
    mal nur gut, dass Teil II zu Lastovo sich in solch Wohlgefühl vermittelnder Weise darstellt und ein paar Tage nach Teil I zu lesen ist. So vergessen wir Landratten-Rezipient*innen doch leichter den Schrecken, den die Schilderung der „Anreise“ ausgelöst hatte. Das war gewiss KEINE Kaffeefahrt! – und das Verlangen nach einem doppelten Anlege-Geist kann ich verdammt gut vestehen 😉
    Die Fotos in beiden Berichten sind auch wieder soo schön und informativ. Danke!

  • Guten Morgen Ihr zwei Abenteurer!
    Bin gerade fertig geworden alles zu kopieren und zu lesen.
    Es ist wieder eine sehr aufschlussreiche Schilderung Eurer Erlebnisse.
    Wünsche Euch beiden einen schönen ersten Mai!

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