27. April 2019

Ferien auf Lastovo I

Teil 1: Überfahrt und Ankunft

Am Donnerstagabend, 25. April, bereiteten wir alles fürs Ablegen vor. Unsere Wassertanks waren bald leer und wir mussten einen anderen Hafen ansteuern, am besten gleich einen mit Seetankstelle und Zollstelle zum Ausklarieren. Der Wetterbericht eröffnete für den kommenden Tag ein Zeitfenster, um direkt auf Kroatiens letzten Außenposten, die Insel Lastovo, zu segeln, bevor uns tagelang das nächste Schlechtwetter treffen würde. In Ubli gäbe es Anleger, Zoll und Tankstelle.

Mit reichlich Meerwasser befreiten wir die TELL vom Saharastaub, den der Jugo mitgebracht hatte. Wir vertäuten die Gangway, holten die lange Sicherheitsleine ein und machten uns einen Plan, wie wir hier in aller Herrgottsfrühe bei Seitenwind möglichst kontrolliert ablegen würden. Geert würde rausklettern und mit den Leinen ins Schiff zurückspringen und dann mussten wir verhindern, tiefer in den ketten- und leinenverhangenen Hafen hinein gedrückt zu werden.

Die Nacht verlief unruhig, der Wind rüttelte ordentlich am Schiff. Um 5:30 Uhr schauten wir raus.

Keine Chance.

Also stellten wir den Wecker weiter auf 7.00 Uhr, um den amtlichen kroatischen meteorologischen und hydrologischen Seewetterbericht DHMZ abzuwarten. Der sagt Wind, Wetter und Wellen von 6 – 12.00 und dann wieder von 12 – 0.00 Uhr vorher, schön sortiert nach Nord-, Süd- und Mitteladria und dem offenen Meer.

Inzwischen berieten wir uns mit der Decke über den Ohren flüsternd weiter über unser Ablegemanöver, als sollte der Wind uns ja nicht belauschen.

Wer, wie wir, ein so großes Schiff zu zweit fährt, der weiß, dass die An- und Ablegemanöver bei Wind ein echtes Wagnis sind. Man muss sich möglichst alles vorstellen, was geschehen könnte, um zu wissen, was dann zu tun ist. Es geht dabei nicht allein ums Können und 1000 Mal gemacht haben, sondern ums Nachdenken und Risiken einschätzen, also um Sicherheit, – weil wir eben nur zu zweit sind.

Die Hauptfrage lautete, wie wir den Winddruck auf das Heck abfangen sollten, sobald Geert alle Festmacherleinen an Land gelöst hatte. Sie waren in gut 15 m Entfernung auf der Steuerbordseite um den einzigen erreichbaren, rostigen Eisenpoller gelegt. Der starke Wind würde unser Heck sofort ins Hafenbecken drehen, sobald er die Leinen gelöst hätte. In erreichbarer Höhe des Hecks gab es nichts Brauchbares, nur eine alte, rostige Halterung für einen Eisenring, der sich hier in Prigradicas besseren Tagen  – also vor 100 Jahren – auch noch befunden haben mag. Wie konnten wir uns daran festmachen, bis Geert über die hüfthohe Mauer zurück ins schwojende Schiff gesprungen war?

Die strategische Hauptrolle spielte jetzt unsere grüne Leine.

Diese grüne Leine ist eigentllich nichts weiter als eine simple Schot. Sie ist aber lang genug und sie passt vor allem durch das kleine Loch der rostigen Halterung.

 Der DHMZ Wetterbericht sagte viel Wind von 20-24 kn mit 35-45er Böen auf dem Offenen vorher, aber keinen ständig erstarkenden Jugo.

Um 7.30 Uhr starteten wir das Manöver.

Geert nestelte die Leine durch das rostige Loch und befestigte sie an den beiden Steuerbord- und Backbordklampen. Ulli legte den Rückwärtsgang ein. Jetzt kletterte Geert raus auf die Mauer und löste die beiden Festmacherleinen. Dann turnte er zurück ins Schiff und fummelt die grüne Leine los. Dann ab nach vorne zum Bug und die Bojentrosse losmachen. Ulli behält die Umgebung im  Auge und gibt Gas. Sie hält das Steuer hart rechts und weicht der an Steuerbord nur langsam versinkenden Bojentrosse aus. Jetzt beherzt raus fahren gegen den ins Hafenbecken drückenden Schwell und den Wind … – ach du Scheiße, … hinter der Hafenmauer: 6 Windstärken! Aber nun waren wir los und würden auch nicht wieder umdrehen.

Müsli und Kaffee mussten jetzt erst einmal warten. Denn schon sausten wir mit südöstlichem Wind Richtung Norden, um dort hinter der Insel Korcula einen südwestlichen Kurs auf Lastovo zu nehmen.  Erst mal warme Segelsachen und Schwimmwesten anziehen und reffen – denn was uns jetzt schon mit voller Kraft vorwärts trieb, würde uns außerhalb der Landabdeckung Korculas mit größerer Wucht und obendrein auch noch mehr oder weniger von vorne treffen. Als wir den Hafen von Vela Luka querab passierten, überlegten wir kurz, vielleicht doch dort einzulaufen – aber wir entschieden uns dagegen.

Und dann kam er: Der Wind auf dem offenen Meer.

Um nicht ständig frontal von den 1,5 – 2 m hohen Wellen getroffen zu werden, fuhren wir insgesamt etwa 4 Stunden lang auf 60° am Wind in Richtung der kleinen Insel Susac, wodurch wir uns natürlich erst einmal recht weit vom eigentlichen Ziel entfernten. Geert versuchte, unter Deck zu arbeiten – aber nach einer guten Stunde gab er auf. Ulli befasste sich derweil oben mit den Wellenbergen. Wenn man nicht in sie hinein, sondern hinter ihnen her zum Heck rausschaut, sehen sie weniger furchterregend aus. Nach einer Weile lässt sich ihr Anblick dann auch besser ertragen, wenn sie auf einen zukommen.

Eine junge Möwe flog sehr lange neben uns her. Sie schien mit den Aufwinden an den Wellenkämmen zu spielen und zischte immer wieder wie ein Pfeil die gischtgesäumten Wellentäler hinab, um dann am Wellenkamm eine Pirouette zu drehen und ihren halsbrecherischen Flug zu wiederholen.

Irgendwann wendeten wir schließlich und nahmen Kurs auf Lastovo.

Schwer stampfte die TELL gegen die seitlichen Brecher an. Salz auf den Sonnenbrillen und aufziehender Dunst erlaubten uns zuerst nur schemenhafte Blicke auf die Inselgruppe, die irgendwie gar nicht näher zu kommen schien. Während wir die ersten beiden Stunden allein mit der gerefften Genua noch gut 4 kn Fahrt gemacht hatten, liefen wir inzwischen längst schon zusätzlich unter Motor. Als wir schließlich Kurs auf Ubli nahmen, mussten wir vollends gegen Wind und See an.

Ganz schön bergig dieses Mittelmeer! Man braucht hier auch gar nicht in die Muckibude zu gehen, weil man sich beim Festhalten im Stehen wie im Sitzen schon genügend bewegt. Wir holten die flatternde Genua ein und gaben noch mehr Gas, denn die See drückte uns massiv zurück. Geert steuerte die TELL in kleinen Schlangenlinien aus, um das Material zu schonen und das Vorschiff nicht auf die fetten Brecher knallen zu lassen.

Von hinten näherte sich eine riesige Fähre der Jadrolinja. Sie durchschnitt die raue See wie ein Tortenmesser! Das war der Moment, in dem wir uns entscheiden, doch nicht in Ubli, sondern eine geeignete Bucht weiter einzulaufen. Denn unser Revierführer, der gute, alte Beständig, schildert die Anlegesituation in Ubli eher suboptimal: Schwell durch die Fähre, Streitereien mit Einheimischen um drei Marinepoller, unklare Wassertiefe am Anleger vor dem Hotel Solitudo. Hier hatten wir uns am Morgen eigentlich schon angemeldet. Doch nach 6 Stunden dieses kräftezehrenden Rittes wollten wir uns keinen weiteren Stress mehr antun. Lieber hielten wir noch 2 Stunden durch und steuerten das extrem geschützt liegende Skrivena Luka an. Als uns eine freundliche Stimme am Telefon signalisierte, dass wir am Anleger des „Porto Rosso“ sehr willkommen seien, tat das schon mal richtig gut.

Und wirklich: Kaum waren wir um die Ecke in die Bucht eingebogen, glitten wir von einer Sekunde zur nächsten über spiegelglattes, leicht gekräuseltes Wasser wie auf einem Stadtsee dahin. Unbeschreiblich leicht.

Und genauso verlief auch das Anlegemanöver: butterweich und kinderleicht. Zu unserer unfassbar großen Freude fanden wir hier eine pikobello eingerichtete Minimarina vor. Ein Steg wie in Funtana, sanitäre Anlagen wie in Funtana, ein Firstclass Restaurant auf einem riesigen, gepflegten Gelände, ein Deutsch sprechender Koch und ein beeindruckenden Besitzer des Ganzen. Die Krone aber ist der Übernachtungspreis – nachdem man uns auf Korcula kürzlich noch 110.-€ abknöpfen wollte und Schiffe unserer Länge auch andernorts jenseits von Gut und Böse abkassiert werden ;-(

Hier zahlen wir derzeit weniger, als wir jemals an einer Boje gezahlt haben.

Nachdem die Hunde an Land ihren dringenden Bedürfnissen nachgegangen waren, genehmigten wir uns erst mal einen Anlegetrunk. Und zwar einen Doppelten.

Ganz klar – hier würden wir nun bleiben, bis die angekündigte Trogwetterlage mit all ihren Aprilscherzen wie Donner, Blitz und Regen vorbei gezogen ist. Wir genossen erst einmal eine warme Dusche und dann verspeisten wir eine vorzügliche, aber sündhaft teure Fischplatte und dazu einen ausgezeichneten Wein.

Am Samstagmorgen erwachte Geert mit verdorbenem Magen. Ulli konnte ihr Genick nicht bewegen und den Kopf nicht heben. Wir waren echt fertig und beschlossen, sofort in die Ferien abzutauchen. Geert hielt Bettruhe und Ulli nutzte die Zeit zum Pflanzen bestimmen und nahm über zwei der anliegenden Bergkuppen die atemberaubend schöne Gegend in Augenschein, in die es uns verschlagen hat.

Wenn das hier kein Paradies ist … !!

Am Sonntag waren wir wieder fit. Der Besitzer des Porto Rosso lieh uns ohne Umschweife einen kleinen Chevrolet aus seinem Fuhrpark und empfahl uns noch schnell den Aussichtspunkt auf dem Berg Hum. Hocherfreut machten wir uns nun also auf den Weg, die Insel Lastovo zu erkunden.

4 Comments

  • Hallo Ihr zwei Urlauber!
    Leider sehe ich hier nur ein graues NICHTS!
    Bitte um Erklärung – Fritz hat ebenfalls nichts gesehen!
    Einen ruhigen und schönen Abend!
    Viele Grüße von uns beiden.

  • wir haben uns schon bei Youtube informiert, wo Ihr Euch nun befindet! Das sieht ja so aus, als ob Ihr Euch dort wirklich von allen Jugo- Schrecken erholen könnt! Tolle Felsen,Leuchtturm, offenbar eine geschützte Bucht. Marikkas Kommentar haben wir mit Vergnügen gelesen, macht Euch ein schönes Wochenende! Ma-Pa

  • Hallo!
    Habe gerade den tollen Bericht kopiert (mit den Bildern) und auch gelesen. Das war ein richtiges Abendteuer. Mir wäre es da sicher nicht geheuer gewesen. Jetzt habt Ihr eine Erholungspause verdient. Lasst es Euch auf der schönen Insel gut gehen und seid herzlich von uns beiden gegrüßt!

  • Das ist ja wirklich eine paradiesische Landschaft und eine fantastische Bucht zum Ferien machen! Die Fotos bei Youtube geben ja nicht annähernd das wieder, was Ihr fotografiert habt! Genießt es und lasst die Seele baumeln — Grüße Ma-Pa

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