19. Mai 2019

Heulen³

Bei Vollmond in Loviste

(Klick oben > auf den schwarzen Pfeil)

Am 10. Mai wagten wir die Überfahrt von Lastovo an die Nordspitze der Halbinsel Peljesac, nach Loviste. Am Vortag hatten wir einen solchen Starkwind, dass eine ukrainische Crew wegen 5m hoher Wellen unverrichteter Dinge wieder zurückgekehrt war (und dann gaben sich die Jungs bis zu ihrem erneuten Aufbruch um 3.00 Uhr früh die Kante …). Als auch wir dann unsere geschützte Bucht um 7.00 Uhr verließen, empfing uns der Ozean noch immer mit richtig hoher, aber langer und sanfter Dünung. An der Steilküste mit dem Leuchtturm Skrizeva vorbei, erreichten wir unter Segeln die Meerenge zwischen Korcula und Peljesac.

Wir passierten die hübsche Leuchtturminsel Vela Sestrica und fuhren dann ganz dicht an der Küste vor Orebic vorbei, wo sich drei unserer alten Freunde derzeit im Urlaub befinden. Und tatsächlich: Ilona aus Oregon tauchte pünktlich an der Uferpromenade auf und winkte uns wie ein wild gewordener Cheerleader zu. Das war ja grandios 🙂 :-).

Loviste ist eine geschützte Bucht, bei südlichen Winden nicht ganz optimal, aber laut unserem Revierführer auch nicht so dramatisch. Es gibt einige, für uns leider zu eng verlegte, kostenlose, private Bojen beim Restaurant Gradina und ein offizielles Bojenfeld, das uns insgesamt solide und sicher erschien.

Die Wettervorhersage für die kommenden 2 Tage klang unter den gegebenen Spezialbedingungen so ermutigend, dass wir praktisch sofort nach dem Festmachen Besuch von den drei Freunden aus Orebic bekamen. Es war ein toller Abend unter freiem Himmel bei gutem Essen und reichlich gutem Wein. Jeder leidet unter dem verkorksten Frühjahr und ein solcher Sonnenuntergang tat uns allen in der Seele gut.

Zurück an Bord erklang dann das Heulen der Goldschakale – eine phantastische Geräuschkulisse, die gar nicht besser zu diesem herrlichen, wilden Flecken Erde passen könnte!

Tags darauf wanderten wir zur nahe gelegenen Rasoha Bucht. Es war warm, wir hielten die Füße ins Meer und bestaunten das Sammelsurium eines Fischers, der sich diese Bucht mit einem hinreißenden Stuhl 🙂 häuslich eingerichtet hat.

Und das war’s .

Der Muttertag – siehe Blogbeitrag – wurde zu einem der fürchterlichsten Tage überhaupt mit viel Wind, Regen, Schwell und heftigem Gerüttel an der Boje. Es war alles Mist. Schon morgens entdeckten wir den Verlust eines Paddels, uns waren nur zwei Landgänge möglich, einer um 8.00 und einer um 17.00 Uhr. Danach ging nichts mehr, weil viel zu riskant, bei ablandigem Wind das Dingi (mit nur einem Paddel) zu besteigen. Immerhin hatten wir in dieser Lage einen großen Erfolg: Die Hunde akzeptieren eine Moltonunterlage zum Pinkeln im Schiff. Von diesem Sonntag an lenkten wir uns jeden Abend ab Einbruch der Dunkelheit durch den Zehnteiler „Band of Brothers“ ab. Dieses sehenswerte Weltkriegsdrama schildert das Schicksal der Easy-Kompanie, einer amerikanischen Fallschirmjägertruppe, die wahrlich durch die Hölle gegangen ist. Heftiges, authentisch klingendes  Mörser- und Raketengeballer im Salon der TELL übertönte jetzt mehr oder weniger erfolgreich den miesenfiesen Onkel Jugo.

Montag dann einigermaßen Wetterberuhigung. Wir tuckerten los und suchten die Küste nach unserem Paddel ab, das wir dann doch tatsächlich wiederfanden! Das war ein Siegesgeheul!!

Doch dann kam der Dienstag.

Morgens um 7.00 klopfte jemand energisch an unseren Bug und rief. In der Annahme, es sei der Marinero und wir müssten jetzt bezahlen, sprang Geert spärlich bekleidet und reichlich genervt über die frühe Uhrzeit raus. Kurz darauf auch Ulli. Es ist schwer zu beschreiben, was wir da erlebt haben: Unser Schiff trieb frei ca. 0,5 Meilen von unserem Bojenplatz entfernt hinter dem Backbordseezeichen der Bucht in Richtung Felsenküste. Vor unserem Bug stand ein Mann im Trenchcoat in seinem Fischerboot und nestelte unsere Leinen ab. Irgendwann kapiert man, dass er da auch die orangefarbene Boje in den Händen hält und dass wir gar nicht mehr an ihr dran hängen. Man startet den Motor und dann fährt man zurück in die Bucht, zwei Mal manövrieren und man ist an einer Boje fest wie gehabt.

Aber damit ist es eben nicht getan. Das Erlebnis sitzt richtig schwer in den Knochen. Dass sich der Schäkel einer Boje unter Wasser löst, ist zwar vorstellbar – aber es passiert „den anderen“ und das auch so selten, dass es unter Seglern im Revier bekannt wird.

Weiterhin weht richtig viel Wind und irgendwie ist uns der Spaß verdorben. Ulli lässt sich abholen und verbringt einen Tag an Land in ihrer alten Lieblingsumgebung in Orebic, um u.a. auch eine neue Gasflasche zu besorgen. Immerhin erfolgreich, denn ab dem Abend ist schon wieder kein Landgang mehr möglich. Jetzt haben wir zwar beide Paddel, aufgrund der kühlen Außentemperaturen funktioniert aber der Motor des Dingis  im Leerlauf nicht mehr einwandfrei. Zu riskant. Die Ankerapp ist eingeschaltet. Wir schauen Teil 7-8 von „Band of Brothers“, aber es hilft nur bedingt weiter. Das permanente Kanonen- und Mörsergeballer übertönt das Gerüttel der Böen nicht. Allerdings funktioniert unsere Standheizung 1A und das Bordessen ist auch echt lecker, da der kleine Supermarkt hier im Ort gute Verpflegung gewährleistet. Insgesamt aber liegen die Nerven blank. Zu guter Letzt erbricht sich Greta um 6.00 Uhr früh ins Bett und scheißt anschließend ins Cockpit. Well done! Uns kommt zum 2. Mal der Gedanke, das Schiff zu verkloppen.

Inzwischen ist der 16. Mai gekommen. Wir liegen immer noch in Loviste und denken gar nicht daran, weiterzusegeln. Das ist der Moment, Euch allen herzlich für den vielen Zuspruch zu danken – per WhatsApp Signal oder hier über unseren Blog! Wir haben den Eindruck, dass nicht nur wir unter den heftigen Wetterkapriolen leiden. Es ist offenbar vielerorts ein außergewöhlich beknacktes Frühjahr.

In dieser Lage unternehmen wir nun lauter schöne und einfache Dinge. Zum Beispiel juckeln wir mit dem Leihwagen von Marikkas Schwager zum Baumarkt und zum Konsum und bunkern mal wieder Lebensmittel. Der älteste Bruder unseres verstorbenen Freundes Vladimir sieht ihm so stark ähnlich, dass es zugleich gut tut und weh.

Spaßig gestaltet sich auch die Bekanntschaft mit unserem Schutzengel, dem Fischer Robert. Er betreibt hier die elterliche Restaurant-Pension Gradina und es stellt sich heraus, dass er auch lange in Berlin gelebt hat. Für uns Segler ist er genau der richtige Mann: Er bleibt bei jedem Wetter cool, es gibt bei ihm leckeres Essen, fangfrischen Fisch, dazu eine Dusche und eine Waschmaschine und Insidergespräche über den Ort und seine Bewohner.

Und endlich scheint doch für ganze 2 Tage auch wieder die Sonne! Wir wiederholen unsere kleine Wanderung in die nahe gelegene Bucht und diesmal muss es endlich sein: Das Bad im Meer.

Durch Robert lernen wir im Nachbarort Viganj einen sehr liebenswerten und interessanten 82jährigen Hamburger mitsamt seiner Malergefährtin kennen. Bernd hat sein ganzes Leben der authentischen Renovierung eines winzigen Dörfleins gewidmet, das mit spektakulärer Aussicht auf die Meerenge zwischen Peljesac und Korcula an schroffe Felswände gepresst daliegt.

Wir treffen erneut unsere alten Freunde in Orebic: Hartmud, Stanley und Ilona. Unterwegs dorthin sehen wir am Ortsausgang von Loviste tatsächlich einen Goldschakal! Ein hübsches Tier, vom Regen total durchnässt. Mensch und Tier machen das Beste aus der Wetterpleite… Wir haben zusammen wieder mal jede Menge Spaß und werden den bereits einsetzenden nächsten Jugo-Herbst auch noch einmal ertragen.

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4 Comments

  • Hallo Ihr Beiden,da habt Ihr ja ganz schön was mitgemacht.Dann wieder etwas Sonne zu genießen und alte Freunde zu treffen tut unendlich gut.Es ist eine sehr schöne Gegend wo Ihr jetzt seid,da würde es mir an Land auch gefallen 🙂 Wünsche Euch noch eine schöne Zeit. LG Vera und Gerd do videnja

  • Oh je, das war ja knapp, der Fischer war ein Engel. Darum tauche ich die Bojen immer ab, da habe ich schon einiges gesehen und zum Teil dann auch erst richtig vertäut. Anchor Watch ist ein wichtiges Tool mit Alarm – gut das Du das hast, wir haben ja mal darüber diskutiert – aber den Ankeralarm müsste doch eigentlich auch Euer Navi bereitstellen. Bei so einem unruhigen Wetter würde ich das auch an der Boje immer einschalten, sonst könnt ich nicht schlafen. Hier ist mal endlich drei Tage schönes Wetter und wieder über 20 Grad, endlich ist die Kältewell zuende. Aber ab Morgen dann wieder unbeständig, nass und 8 Grad kälter. In Funtana bleibt es bis einschließlich Donnerstag regnerisch und ebenfalls viel zu kalt. So lange diese fette Hochdruckbrücke über Nordeuropa stationär bleibt ändert sich da auch nichts. Die soll sich aber langsam nach Westen verlagern und das ist meine Hoffnung, denn dann wird es sich zum Ende der kommenden Woche zumindest auf der Alpensüdseite mehr stabilisieren. Grüße aus der Heimat 🙂

  • Oh ha!, da sind Deine Lebensgeister ja wieder, liebste Ulrike; und gleich nimmst Du ordentlich Anlauf, um uns mit dem – zumindest auf dieser Plattform – bald eine Woche Versäumten zu versorgen. Dankenswerterweise wieder nebst blauflossigem Nixchen mit reichlich optisch wie akustisch interessantem Material zur Vervollständigung dazu. Dieses hatte ich zwar die Woche vermisst, aber absolutes Verständnis für Deinen/Euren Rückzug. Wird mir doch bereits auf einer Hängematte schlecht. Ganz ohne solche Stressfaktoren, um die Euch niemand beneiden wird.

    Euer Schiff wird n i c h t verkloppt! Ihr seid nicht alleine, habt und hattet gottlob liebe Freunde derzeit sogar in Eurer Nähe, eine optimale technische Ausrüstung, sofern aktiviert ;), den Bunker voller Wein ;), Gruselfilme am Meter (furchtbar, wie kann man sich bei dieser nervlichen Anspannung neben den vielen aktuellen auch noch vergangene Kriege antun??). Auch seid Ihr ziemlich erfahren, prima organisiert und flexibel. Beste Voraussetzungen also, gemeinsam den derzeit kleinen 😉 Jugo und den nächsten Angang zu überstehen. Fehlt nur noch Febreze auf Eurer Einkaufsliste, um die gesetzten Duftmarken der kleinen Mitreisenden zu übertünchen.

    „Wir schaffen das schon!“ ;)) Noch drei/vier Tage merkeln und es geht gewiss wieder prima weiter gen Süden.
    Herzliche Grüße aus Regen u Gewitter, ohne Sturm und Frühlingsgefühle
    Britta

    • Liebe Britta, 👍🤣! Wir geben uns weiterhin Mühe, für spannungsreiche Unterhaltung zu sorgen und das Leben zu genießen.

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