25. April 2019

Warten auf ToGo

Die erste Nacht war wirklich scheußlich. Der Jugo schlug voll zu und sollten wir in Summe drei Stunden geschlafen haben, dann war’s viel! Das Schiff schlingerte hin und her und auf und ab, während sowohl grobe, lange wie auch hackige, kurze Wellen gleichzeitig und in gegenläufiger Bewegung ober- wie unterhalb der Meeresoberfläche in diagonalen Strößen gegen den Rumpf prallten – – . Wir lagen im Bett und wurden durchgeschüttelt wie in einem Cocktailshaker. 

Dazu lehrbuchmäßige Regengüsse und das ständig auf und ab grollende Crescendo der Sturmböen in den Wanten. Ein Mordsgetöse, unterlegt vom vielstimmigen Ächzen des Materials und einem seltenen, dafür aber besonders tiefen und schwerfälligen Knirschen unserer doppelt gesicherten Spring, das uns den extremen Druck verriet, unter dem die Leinen standen. Deutlich zu viel Geknalle und Geschepper für unsere armen Hündchen … mit weit aufgerissenen Augen flüchteten sie unter Frauchens Bettdecke.

Entsprechend fit und motiviert begrüßten wir in aller Herrgottsfrühe den nächsten stürmischen, griesgrauen, dunstverhangenen, verregneten Jugotag. Die Luft voller Staub und Salzkristalle saut auch noch alles ein. Immerhin: Ein einzelner Delphin zeigt im Hafenbecken seine blinkende Fluke her. 

Für Geert beginnt ab jetzt die echt spannende Umstellungsphase in seinem Projekt. Zeit für Ulli, den Leihwagen mit Wäschebergen und den Hundchen zu beladen und sich auf den Weg zur Fähre von Korcula nach Orebic zu machen. Dort lebt unsere Münchener Freundin Marikka. Sie führt auf dem Familienbesitz ihres erst vor zwei Jahren verstorbenen Mannes ein wahres Ferienhausparadies, das Ulli schon 2010 entdeckt hat: Die Villa Kaktus.

Orebic liegt gegenüber von Korcula auf der Halbinsel Pelješac. Charakteristisch für den Ort sind seine prachtvollen Kapitänshäuser und das Franziskanerkloster von 1470, das hoch oben in der Wand des Berges Sveti Iljiza (Heiliger Elias) klebt. Völlig zu Recht trägt der 961 m hohe Berg gerade diesen Namen: Sein wuchtiger Gipfel neigt sich zum Meer hin und seine mächtigen, schroffen Felswände ergießen sich direkt ins blaue Wasser hinein. Es ist ein gewaltiger Anblick.

Auch in Orebic wütet der Jugo. Die sonst so nette Promenade ist gar nicht wiederzuerkennen – die ganze Szenerie gleicht eher einer Nordseeinsel im Herbst. Aber man sieht deutlich, dass sich Orebic zielstrebig zu einem besonders gepflegten und sehenswerten Ort mausert. Etliche der alten Villen wurden herrlich renoviert, der Eismann verkauft sowohl laktosefreies wie auch veganes Eis und es wird klar, dass die Kroaten auch hier ganz genau wissen, was sie an ihrer wunderschönen Küste haben.

Bei Marikka laufen die Saisonvorbereitungen auf Hochtouren. Erfreulicherweise sind unsere Europawahlscheine angekommen, die uns die Gemeinde Bergen hinterherschickte und auch das Ladegerät des Fotoapparats, das Diego aufgegeben hatte. Marikka stellt uns ihre Waschmaschinen und den Trockner für unsere Weltenbummlerklamotten zur Verfügung. Stundenlang drehen sich nun die Trommeln, während die Hausherrin unermüdlich ihre Ferienwohnungen schrubbt und Ulli ihr drei Badezimmerschränkchen zusammenbaut. Der alte, kroatische Handwerker möchte wissen, warum eine Seglerin denn jetzt hier Schränke zusammenbaue. Marikka und ich sind ratlos. Was soll man denn da antworten? Weil‘s halt so ist!

Zum Abschluss gibt‘s noch eine ausgiebige, wunderbar warme Dusche und dann eine Investition in unsere Skippernerven: 50 m lang ist diese 2,2 cm dicke Festmacherleine!

Nach einer garstigen Rückfahrt durch Nebel und Regen fielen wir schließlich hundemüde in die Betten. Die zweite Jugonacht schliefen wir nicht zuletzt auch Dank der fetten Leine deutlich beruhigter und besser. Der Wind pfiff zwar ungebrochen stark, die See prallte aber in einem etwas flacheren Winkel auf den Hafen. Ohne dieses nervtötende Rucken sieht die Welt ja schon gleich viel besser aus.

Am folgenden Tag nutzten wir Geerts Arbeitspause, um Prigradica abzuklappern – so viel Entdeckergeist hat das zugige Nest bestimmt schon lange nicht mehr erlebt. Schade, dass hier niemand investiert. Doch dadurch kommen wir einmal mehr in den Genuss der absoluten Alleinlage, wenn auch ohne Stromanschluss und ohne Wasserversorgung. Unsere Wasservorräte neigen sich allmählich dem Ende zu, aber es bleibt trotzdem enorm, wie ergiebig unsere Tankinhalte tatsächlich sind.

Heute ist Zeit für die Alltagsroutine – niemals reisen ohne Dampfbügeleisen 😉 – egal wieviel Strom das kostet! Wir füllen unsere Wahlscheine aus und statten Vela Luka, der dritten Hafenstadt ganz im Norden Korculas, einen Besuch ab. Der Hafen ist zwar weitläufig, aber ausreichend windgeschützt und auch nicht überteuert. Es gibt eine Tankstelle und wir können hier ausklarieren. Für uns ist klar: Dahin werden wir uns bei nächster Gelegenheit verlegen, um unsere Weiterfahrt nach Italien anzutreten. Auf dem Rückweg beladen wir unseren „Up“ mit schweren Getränkevorräten. Kostbare Kräfte, die wir uns Dank des Leihwagens sparen können.

Bevor wir anderntags den Leihwagen wieder abgeben, verbringen wir den Abend zu dritt in Orebic. Die liebe Sonne zeigt sich und mehrmals blitzt sogar der grau glänzende Rücken eines  Delphins vor dem Restaurant auf.

Fast könnte man glauben, der Jugo sei jetzt durchgezogen … aber nein, er lässt sich noch immer Zeit. Wir verbringen die vierte unruhige Nacht in unserem schwankenden Zuhause und der Wetterbericht kündigt das nächste Tief an.

6 Comments

  • Ich habe mich so gefreut, euch zu sehen. Segelt mal schön gen Süden, um so mehr gefällt es euch dann wieder hier in unserer Gegend. Mein Handwerker versucht noch heute einzusortieren: eine deutsche Frau mit einem kroatischen Auto, ausserhalb der Saison, mit 2 kleinen Hunden, einem Segelboot auf Korcula, angeblich einem Ehemann….montiert, so als wäre sie extra dafür angereist, 3 Badunterschränke im Garten.

  • Hallo Ihr beiden!
    Die erste Zeit Eurer kleinen “Weltreise” mit so vielen Ereignissen ist sehr interessant und abwechslungsreich. Hoffe für Euch, dass das Wetter sich zum Guten wendet.
    Weiterhin alles Gute!
    Viele Grüße – aus dem heute kalten Oberbayern –
    Karin mit Fritz
    Papa und Karin
    NS: Bei uns regnet – kalt ist es auch geworden und windig!

  • Hallo Ihr Zwei Jugo-Leidgeprüften,
    war schon in Sorge, als ich zwei Tage nichts Neues von Euch lesen konnte ! Aber der heutige Bericht hat alles aufgeklärt. Ja, dann habt Ihr wohl die erste Schlechtwetteretappe so gut wie überstanden. Jetzt muss es doch endlich mal Sommer werden da unten! Schließlich wollen wir auch nächste Woche unser Ränzlein schnüren. Wir wünschen Euch vorerst ruhige Tage , damit alle Tanks wieder gefüllt werden können und Ihr wohlbehalten an die italienische Küste kommt und freuen uns auf neue wunderschöne Fotos und interessante Zeilen , Bleibt so optimistisch ! Ich drück Euch alle 4 ganz lieb !😘😘😘😘

  • Moin Moin
    Hab so viel zu tun Segel ständig zwischen Köln und Abenteuer hin und her und Ihr beide gebt mir mit Eurem Posts das Wasser und die Fernsicht dazu.
    Danke das ich dabei sein darf

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