3. Mai 2019

Wind of Change

Am 01. Mai starteten wir unsere Überfahrt nach Italien. Erst Ausklarieren im trostlosen Ubli, ganz in der Nähe doch noch die Ruine der St. Petrus Basilika aus dem 5. und 6. Jh. betrachten und die Hunde noch mal ausführen und dann: Kurs 203° – der direkte Weg nach Vieste.

Die Stunden auf See vergingen bei schönem Wind und ruhigem Seegang überaus angenehm, insbesondere konnten wir nachmittags sogar 3-4 Stunden segeln und dabei auch ordentlich Fahrt von 6-7 kn machen. In der Ferne tauchte die italienische Landmasse auf. Nie hätten wir uns den Sporn so bergig vorgestellt! Wir meldeten uns telefonisch an, nannten unseren Namen, Schiffstyp und Länge und freuten uns auf ein ruhiges Plätzchen für nur 45,-€ pro Nacht.

Vieste gehört zu Apulien, das ist die Region, von der aus Barbarossas Sohn, Kaiser Friedrich II, regierte. Er war mitten in der Kreuzzugszeit ein Freund des Islams und ein für seine Zeit tolerant zu nennender Mann. Auf ihn geht das Standartbuch über die Beizjagd bzw. die Falknerei zurück. Und er hat es auch fertig gebracht, Jerusalem anstelle eines blutigen Kreuzzuges für 10 Jahre friedlich und per Vertragsverhandlungen an das christliche Heilige Röm. Reich quasi mal zu leihen.

Wir freuten uns auf die apulische Küste. Städtenamen wir Bari, Brindisi und Otranto klangen echt gut. Vieste selbst hat aber nicht so viel zu bieten. Einen Richtstein, auf dem mehrere Hundert Menschen geköpft wurden. Das ist nicht so prickelnd. Man landet  nun einmal nach 10-12 Stunden Überfahrt in dieser Stadt, es ist einfach der kürzeste Weg. Einklarieren kann man hier nicht, sondern erst 35 sm weiter südlich.

Der gleichmäßige nördliche Wind blies und auch noch am Abend mit 4 Windstärken. Keine gute Anlegesituation, aber wir sollten ja eingewiesen werden. An Viestes Leuchtturm und fetten Wellenbrechern vorbei glitten in ein geräumiges Hafenbecken.

Kaum hinter den Wellenbrechern, begann urplötzlich unser Tiefenmesser Alarm zu piepsen. Nun gut, das ist ja auch in Funtana so und wir haben ihn ja auch großzügig eingestellt. Er beginnt bei einem Meter Wasser unterm Kiel zu piepen. Also rutschten wir vorsichtig tiefer in das Hafenbecken hinein auf der Suche nach unserem Marinero.

Nun winkte da aber eine Gruppe von drei Männern an einem Steg und ein einzelner an einem anderen wie die Hampelmänner mit wild rudernden Armbewegungen und schrien sich allesamt die Lungen aus dem Hals. Offensichtlich machten sie sich gegenseitig Konkurrenz um uns. Also musste Geert noch einmal telefonisch rausfinden, welcher von denen „unserer“ war.

Währenddessen kreiste Ulli die TELL im Hafenbecken herum. Es wurde immer ungemütlicher, nicht nur, weil der Winddruck sehr stark war sondern auch, weil der Tiefenmesser ununterbrochen wie verrückt piepste. Ein römisch-katholisches Anlegemanöver ließ sich bei dem Wind nicht fahren, schon gar nicht dorthin, wo der einzelne Marinero –  „unserer“ – uns einwies.

Vorwärts schlichen wir durch einen ca. 10 m breiten Durchlass zwischen zwei Stegen, an denen auch große Yachten lagen. Dann sollten wir sofort den Rückwärtsgang einlegen und längsseits einparken in eine Lücke, die etwa 1,5 Schiffslängen lang war. Dabei schrie der Mann, Ulli solle eine bestimmte Linie einhalten. Haha. Echt witzig bei dem Wind! Die TELL rutschte aber supergut nach achtern in die Ecke und wir wollten schon aufatmen – … –  da tat es einen Ruck und wir saßen einen Augenblick lang auf wie die Arche Noah auf dem Ararat.

Oh je.

Aber das Schiff rutschte im nächsten Moment weiter und wir gingen wie beabsichtigt längsseits an den Schwimmsteg. Der Marinero drückte das Schiff fleißig ab und tat und beschwichtigte, bis wir festgemacht hatten. Uff.

Woran wir denn hängen geblieben seien, wollten wir wissen.

Jaa, das hätte er uns doch zugerufen: die Linie einhalten! Da sei an der einen Stelle ein Haltetau des Steges  auf dem Grund. Aber das sei eigentlich kein Problem, wenn man diese Linie einhält.

Es fehlte nicht viel, um ihm einen Vogel zu zeigen.

Stattdessen fragten wir ihn, wie tief es denn hier sei? 2,50 m schwor er. Und bei Ebbe? 2,30 m schwor er. So steht es ja auch im Hafenplan. Aber unser Tiefenmesser zeigte 0,00 m unter dem Kiel.

Na gut. Der Schrecken über die gesamte Situation saß noch tief, aber nun waren ja wohl erst mal die Hunde dran. Aber unsere Stimmung war auf unter Null gesunken. Und das nach der schönen Überfahrt! Jetzt mussten wir aber hier bleiben und versuchten erst mal unsere Lage zu peilen. Frühestens morgen könnten wir nach Manfredonia weiterfahren, um dort vor allem einzuklarieren. Ein Anruf dort klärte, dass sie 80,-€ pro Nacht verlangten. Ein Blick auf die Wettervorhersage verriet uns, dass wir wieder einmal in eine ausgiebige Schlechtwetterperiode fuhren. Wir müssten in Manfredonia mindestens 4 Tage abwarten, bevor wir unsre Reise nach Süden fortsetzen könnten. Genau gesehen sollte diese Periode mit zwei Unterbrechungen fast 10 Tage dauern.

Das trug jetzt nicht gerade dazu bei, unsere Laune zu heben.

Also sagten wir uns: Lass uns mal die sanitären Anlagen von Vieste inspirieren. Wenn sie gut sind, dann bleiben wir einige Tage hier und verlegen uns beim nächsten guten Segeltag nach Manfredonia.

Deutlich entspannter als unmittelbar nach dem Anlegemanöver liefen wir zusammen über den Steg – da nahmen wir den Uringestank wahr, der über der Wasserfläche lag. Zweifelsohne: Das Becken stank nach Pisse!

Die Waschräume lagen im Dunkel. Geert ging voran und fand den Lichtschalter. Ein sauberer Raum. Zwei Duschen. Warmwasser nur mit einem Jeton (Marinero: Feierabend). Zwei Toiletten. Keine Klobrillen. Männlein und Weiblein ungetrennt.

Und damit hatten wir dann genug von Vieste.

Wir wälzten an Bord noch bis spät in die Nacht die Wetterkarten und Hafenbeschreibungen. In Anbetracht der Wetterlage könnte eine Lösung sein, in großen Sprüngen über Bari und Brindisi bis Otranto zu fahren und dort dann nach Korfu überzusetzen. Insgesamt eine Strecke von 300 sm.

Bari – akzeptiert keine Hunde im Hafen.

In Brindisi und erst Recht in Otranto pfiff der Südwind mit Orkanstärke durch die große adriatische Düse.

Wir legten uns schlafen. Der Tag war lang und dieser Schluss hier zehrte an unseren Reserven. Gegen 3.00 Uhr wachten wir alle beide auf. Jetzt hielten wir echten Kriegsrat. Einfach war es nun einmal nicht, die Entscheidung zu treffen:

Schluss aus. Griechenland muss warten. Wir fahren morgen zurück nach Kroatien, zurück auf unsere schöne Insel Lastovo. Und dann bereisen wir in aller Ruhe 5 Monate lang das herrliche kroatische Revier mit seinen 1000 Inseln, packen unsere Malsachen und Musikinstrumente aus, baden, lesen, Sightseeing und tun das, was wir wollten und auch bitter nötig brauchen: Auspannen.

Und so geschah es. Wie für diesen einen Tag vorher gesagt, erwartete uns bestes Wetter und wenig Wind, dazu ein entsprechend nettes Ablegemanöver und eine unspektakuläre Überfahrt, die uns schon mal Zeit gab, die schlimmsten Wunden zu lecken und dann wieder mit Freude nach vorne zu schauen.

So tuckerten wir in aller Frühe dahin über das ausnahmsweise mal sanftmütige Mittelmeer.

Wir passierten das Verkehrstrennungsgebiet und hatten genau wie am Vortag wieder unser AIS (Automatisches Identifizierungs System für Schiffe) und unser Radar an, damit uns die zahlreichen großen Dampfer, Frachter und Schleppnetzfischer auch sahen.

Zeit für Kaffee und Brote – Geert im Cockpit, Ulli unter Deck – als ein unvorstellbar heftiges, riesiges, krachendes und heulendes Geräusch die TELL traf wie ein Kawentsmann oder wie ein auftauchendes U-Boot oder ein ganzes Kreuzfahrtschiff.

„“Komm rauf !!!“, schrie Geert – da waren sie aber schon wieder nach oben abgezogen:

Zwei Kampfjets! Die waren höchstens 100 m über unserem Mast dahin gebrettert.

Arme Greta!

Geert, im Herzen ein Pilot, grinste breit. Die üben, sagte er und machen sich einen Spaß daraus, uns einzigen Segler weit und breit zu erschrecken.

Als wir nach 9 ereignislosen Stunden wieder in Ubli am Zoll eintrafen, war der Polizist noch da. Super, wir würden also nicht noch lange anrufen und auf ihn warten müssen.

Wir hatten aber noch nicht festgemacht, als er uns schon fragte, ob unser Schiff Relax heiße. Das war seltsam. Wie konnte der den ehemaligen Namen unseres Schiffes wissen?

Und jetzt kommt’s:

Wir sind beim Eintritt in die kroatischen Hoheitsgewässer von zwei Kampfjets geblitzt worden. Wenn das hier noch der richtige Ausdruck ist ?!

Der Polizist zeigte eine gestochen scharfe Luftaufnahme unseres Schiffes vor.

Wie war das möglich?

Da wir in Italien nicht einklariert hatten, sondern stehenden Fußes umgedreht sind, waren wir offenbar erfasst worden. Unser AIS, das wir in all den Jahren noch nie betätigt und fast schon vergessen hatten, ist noch auf den alten Namen des Schiffes angemeldet. Das AIS Signal empfangen alle, die entsprechende Empfänger haben – also dicke Dampfer und natürlich auch die Küstenwache: Für die stellte sich unser AIS folgendermaßen dar: Da fährt eine den Behörden unbekannte Yacht namens Relax, die in Italien weder ein- noch ausklariert hatte, auf Kroatien zu …

Jetzt standen uns echt die Haare zu Berge. Von wegen Spaß am Himmel. Und ganz bestimmt nicht auf dem Mittelmeer! Bloß gut, dass wir Deutsche so einen guten Ruf haben. Wir stehen weder unter Drogen- noch Menchenschmuggelverdacht und so durften wir ohne Bußgeld einklarieren. 

Nicht auszumalen, wenn uns das in albanischen Gewässern passiert wäre!!!

So geht das also. Wir mussten an die Flüchtlinge denken. Und auch an die Kriegsgebiete dieser Welt, in denen Menschen in Nullkommanix von solchen Geschossen aus heiterstem Himmel blitzartig getroffen werden. So muss sich das anfühlen: Ein brutalst lautes Geräusch, eine Sekunde zum Realisieren und in der nächsten ist dann alles vorbei.

Es ist spät geworden. Ganz schön irre das Ganze. 

Und jetzt noch dieser absurde Liegeplatz in Ubli: Direkt an der Tankstelle, direkt hinter der Catamaranfähre nach Split – .

Epilog:

Britta:  Ist Ubli nun so übli?

Ulli:     Nö jetzt ist alles gut. Liegen an der Tankstelle. Echt super und diesel.

Kroatien hat uns wieder! Und das ist der Ausblick für morgen:

10 Comments

  • Hallo Ihr lieben, da habt Ihr ja ganz schön was erlebt. Habe beim lesen die Luft angehalten. Wünsche Euch ein endspanntes Wochenende.Liebe Grüße aus Inzell. Vera und Gerd

  • Der Freitag ist bei uns der vollste Tag der Woche, und so kamen wir erst vor 1 Stunde endlich zu Hause an, schon hoch gespannt auf Euren angekündigten Bericht!! Mein lieber Schwan, der hatte es ja wirklich in sich! Hoffentlich nehmt Ihr Euch nun ganz viel Zeit in Eurem kleinen Paradies und freut Euch des Lebens! Wir denken an Euch, Gruß Ma-Pa

  • Hallo Ihr zwei Abenteurer!
    Das ist ja ein ereignisreiches Erlebnis gewesen.
    Gott sei Dank mit guten Ausgang.
    Werde die spannenden Zeilen und Bilder für Fritz jetzt ausdrucken, denn er ist schon sehr neugierig auf den Bericht.
    Wir wünschen Euch beiden ein ruhiges und erholsames Wochenende und schicken ganz viele liebe Grüße nach Kroatien.
    Karin mit Fritz

    • Hi Maik, unser Problem mit Montenegro und Albanien sind sicherlich zum einem die doch sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Warnungen vom Auswärtigen Amt, aber was ein echtes Problem ist, sind die Hunde. Da Albanien nicht zur EU gehört, müssen wir jedesmal wenn wir von Albanien nach „Europa“ einreisen, eine amtsärztliche Bescheinigung vorlegen. Das Übersetzen nach Italien war auch nicht das Problem. Nur ich hatte keine Lust mehr bei durchwachsenen Wetter von einem Liegeplatz zum nächsten zu „wandern“,nur um endlich nach Griechenland zu kommen. Griechenland ist auf keinen Fall „aufgehoben“, sondern nur verschoben.
      Na schon einen Schneemann gebaut? Die Bilder von Inzell, machen einen ziemlichen „weißen“ Eindruck 🙂
      Ciao Geert

  • Hi Ihr, ärgerlich, aber doch kein Grund um aufzugeben. Das Wetter ist halt im April/Mai noch sehr wechselhaft und es kann noch kalt werden. Vieste 12° kommende Woche und Regen, das war absehbar. Ich würde ein bisschen warten auf eine stabilere Phase ab Mitte Mai und dann entweder gleich nach Manfredonia. Oder aber über Albanien nach Korfu. Warum eigentlich nicht, ich kenne einige die dort nur gute Erfahrungen gemacht haben. Ihr habt ja noch viel Zeit zum überlegen. Erst mal ein paar ruhige Tage. Liebe Grüße aus dem Schnee 🙂

  • Die Reisewarnung zu Albanien ist doch ein Witz, oder. Dann sollte man auch nicht mehr nach Italien fahren wegen der Diebstähle in Wohnmobile und Kleinkriminalität und auch nicht nach Frankreich 🙂 Und mit den Hundchenwürde ich mir auch keinen Kopf machen, das interessiert doch eh keinen im Süden.

  • Querida Ulrike e Geert,
    Fiquei alguns dias sem abrir e ver suas aventuras no mar, ficamos impressionados com tantos desafios e experiências assustadoras. Uau, não consigo imaginar, mas deve ser indescritível a beleza de tantos lugares. Parabéns pela disponibilidade, organização e determinação. Deixamos nosso abraço esperando que tudo possa correr muito bem. Saudades. Sueli e Gastão

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