23. April 2019

Jugo

Unsere schöne Bucht in Hvar verließen wir gestern früh ziemlich rasch, denn der Wetterbericht sagte einen kräftigen Jugo voraus. Das ist der berüchtigte Südostwind, der hier Yugo und anderswo Scirocco heißt. Was gestern noch ein tropisch anmutendes Paradies auf Hvar war, liegt nun voll im Wind – und wir würden das hübsche Plätzchen heute  nicht für Geld und gute Worte gegen den abgehalfterten Hafen von Prigradica im Nordosten der Insel Korcula tauschen! Weiter sind wir nicht gekommen, denn der Wind frischte bereits auf der relativ kurzen Strecke von Hvar bis hierher ordentlich auf und drückte mit 23-25er Böen von Süden gegen unser Schiff. Wir holten die ohnehin stark gerefften Segel wieder ein und motorten. Doch das Vorankommen erschwerte sich zusätzlich durch eine immer heftigere Strömung mit kabbeligem Seegang von 1,5m Wellenhöhe. Ursache dafür ist der geringe Abstand zwischen der Insel Korcula und der Halbinsel Pelješac, deren hohe und steil abfallende Berge einen extremen Düseneffekt bewirken.

Keine Chance, unser ursprüngliches Ziel im Norden von Pelješac oder gar die Häfen Korcula oder Lumbarda zu erreichen! Schwer und langsam stampfte die TELL gegen an. Der Jugo ist mit all seiner Macht da und lehrt uns Mores und auch das Fürchten.

Prigradica war die erste Wahl, denn der Yugo hat die Angewohnheit, beständig zu wehen und dabei immer stärker zu werden. Das ist hier ein alter Güterumschlagsplatz, dessen beste Zeiten längst vergangen sind. Vor 100 Jahren wurden hier Oliven, Wein und Lavendel verschifft, aber dann kam die Reblaus und viele Leute aus dieser Region der Insel wanderten nach Amerika aus. Jetzt ist hier nicht mehr viel los. Keine Infrastruktur für Schiffe, weder Strom noch Wasser und erst Recht kein Marinero, der einem zur Hand gehen würde. Dafür umsonst.

Zu zweit manövrieren wir also unseren 11 Tonnen Büffel trotz des reindrückenden Windes an die einzige Boje heran, die die richtige Größe zu haben schien. Ulli am Steuer, Geert an den schweren Leinen. Dann propelleren wir irgendwie ran an die hohe, alte k.u.k. Steinmauer mit ihren rostigen Eisenpollern und pfriemeln fix eine Leine durch eine rostige, halbwegs glatte Öse, – … bis es Geert endlich gelang, an Land zu springen. Dort legten wir dann die zweite Leine und eine Spring um den Poller. Bloß gut, dass unsere Leinen lang genug sind.

Zwei weitere große Yachten liefen kurz nach uns ein, aber sie mussten mangels einer Boje nach vorne raus ihre Anker auswerfen und dann ähnliche Kunststücke wie wir vollbringen, um sich achtern an Land festzumachen – allerdings mit unserer Hilfe bzw. mit alle Mann – also mit größeren Mannschaften. Beim Ablegen morgens trieb die eine Yacht dann gegen unsere stramm gespannte Bojentrosse. Da klebte die Yacht nun im Leerlauf mit dem Ruderblatt an der Trosse und wir machten schon mal unsere Ankerwinsch klar, für den Fall, dass wir uns von der Boje hätten losmachen müssen. Aber der andere Skipper blieb cool und drückte die fette Trosse mit einem langen Bootshaken so lange runter, bis sein Ruderblatt frei kam. Gott sei Dank.

Wir denken ja nicht dran, abzulegen! Onkel Jugo soll heute Nacht erst mal richtig Luft holen und dann schön ausatmen.

Der einzige Laden hier im Ort ist sehr, sehr gut sortiert. Dort gelang es uns, mit Händen und Füßen gestikulierend zu sagen, dass wir gerne ein Leihauto hätten. Ein Mann zückte sein Handy und vermittelte uns einen Autoverleiher aus dem nächsten Ort. Der holte Geert kurz darauf ab und nun sind wir im Besitz eines VW „Up“ – und können damit auf dem Landweg alles erledigen, was uns der Jugo auf dem Seeweg versagt.

Wir klapperten die Küste ab in Richtung des Weinanbaugebietes Cara. Es liegt in etwa auf der Mitte der Insel Korcula. Zu unserem großen Erstaunen entdeckten wir unterwegs einen bayrischen Löwen (gibt’s bei Amazon) … und den Osterhasen …

… und ein kleines Dorf voller Solarpanels auf den Dächern. Endlich vernünftige Leute in diesen trockenen Breiten! Das, die riesigen Villen und erst Recht das winzige Fischerörtlein Babina werden uns in Erinnerung bleiben.

In Cara lebt Iva, eine heute 73jährige Landfrau, bei der wir schon seit vielen Jahren köstliches Olivenöl kaufen, wenn wir hier sind. Iva hat einige Zeit in Deutschland gewohnt und spricht immer noch ganz gut Deutsch. Vor lauter Freude über das Wiedersehen gab sie erst einmal einen köstlichen Schluck selbst gebrannten Sauerkirschschnaps aus. Im vergangenen November musste sich Iva einer Hirntumor-OP unterziehen und so war sie jetzt noch einigermaßen verunsichert, aber voller Zuversicht. Im Zusammenhang damit erzählte sie uns von ihrem Schwiegervater, der anlässlich seines 100. Geburtstages von einem Journalisten gefragt wurde, was man denn arbeiten sollte, um so alt zu werden?

„Feldarbeit“, lautete die Antwort.

Und was man denn essen sollte?

„Essen?“, sagte der alte Mann. „Ich habe drei Kriege erlebt und hatte viel Hunger! Aber sonst: Oliven, Gemüse, Wein und Brot!“

Anschließend fuhren wir weiter nach Lumbarda und Korcula Stadt und nahmen die dortigen Seetankstellen und Marinas in Augenschein. Korcula, die Geburtsstadt Marco Polos, ist das wunderbare Kleinod Dalmatiens geblieben, wie wir es schon aus den früheren Besuchen kannten. So ganz ohne Touristenmassen und vom Yugo durchgerüttelt wirkt sie noch viel mittelalterlicher – es war ein schönes Wiedersehen!

Zurück am Schiff packen uns die 30er und 39er Böen selbst im Hafen mit Gebrüll an. Zusammen mit dem Schwell, der von draußen um die Hafenmauer herum hereindrückt, sodass das Hafenbecken vollläuft, ist das eine ziemlich heftige Mischung. Also haben wir noch eine vierte Sicherheitsleine angebracht. Das Heck ist mit allem gegen die Mauer abgefendert, was da ist. Der letzte Satz im Reisetagebuch ist für heute geschrieben. Jetzt muss man den Ritt auf dem wilden Stier aushalten und es scheppern, poltern, quietschen und knarzen lassen und dran glauben, dass alles gut ist.

Also: Dann sollen die – vorläufigen – Böenspitzenwerte mal kommen.

7 Comments

  • Guten Morgen Ihr beiden!
    Habe gerade diesen super Bericht für Fritz kopiert – zusammen mit den Fotos (er findet es gut wie ich es für ihn mache – wird sicher ein dickes Buch werden!!!) und muss es dann nur noch ausdrucken. Ich hoffe Ihr habt den Yugo gut überstanden. Weiterhin so schöne Erlebnisse und alles Gute Euch beiden!
    Karin

  • Drück Euch die Daumen , dass Ihr dem Jugo erfolgreich die Stirn bieten könnt. Ich wär wohl schon 3Tode gestorben vor Schiss!!! Einmal Jugo auf Olib haben mir gereicht . Der war damals auch nicht nach einem Tag vorbei !!!

  • Finde ich ja toll, dass Ihr Iva besuchen konntet! Habt Ihr auch Öl bei Ihr gekauft? Und im übrigen bewundern wir Eure Abenteuer und Eure Anlegekünste! Gut, dass Ihr keine Eile habt und den Yugo vorbei ziehen lassen könnt! Gruß an Marika und viel Spaß mit dem kleinen Auto! Waren heute in Hamburg und auch noch kurz bei Renate in Ahrensburg –traurig! Steffen folgt Dir nicht auf dem Fuße sondern mit der Hand- 6 Wochen Zwangspause! Macht es weiterhin gut, Ma-Pa

  • Moin moin
    Also wirklich! Nach allem, was Ihr da in den letzen Tagen in Sachen Wind und Wellengang mitgemacht habt, hätte ich längst meine seit Wochen anhaltende Fressphase (noch) stehenden Fußes abgebrochen, die Ernährung ausschließlich auf Klosterfrau Melissengeist mit Zucker umgestellt und mich an Deck anbinden lassen, bis das Ganze vorrüber ist. Ich bewundere Dich, Ulrike, ob Deiner Fähigkeit dich trotz der Schlafeinbußen auch noch um einen weiteren, spannenden und informativen Bericht nebst dessen Bebilderung zu kümmern. Danke Dir/Euch. Bin wieder sehr beeindruckt.
    Herzliche Frühlingsgrüße aus dem Bergischen, wo manfrau – Nüchternheit vorausgesetzt – ohne zu schwanken von der Küche ins Bett und morgens in die Dusche kommt 😉
    Haltet die Ohren steif und die Hunde fest 😉

  • Liebe Ulrike u. Geert, den wir noch nicht kennen….
    É uma alegria poder participar com vocês essa aventura. Aventura em todos os sentidos. Ondas enormes e ventos incontroláveis, lugares incríveis com paisagens maravilhosas. Estou lendo tudo duas vezes, pois assim entendo bem melhor o que você escreve. rsrsrs…
    Você e ou vocês, estão fazendo um documentário fantástico. Desejo que muitas coisas boas aconteçam para vocês. Sejam felizes. com carinho Sueli e Gastão

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